3,5/10
Aktuelle Einstufung
Stabile Versorgung — erhöhtes Sprungrisiko
Diesel fliesst. Cressier raffiniert weiter. Coop und Migros arbeiten ohne Mengenlimits. Keine Tankstellen-Schlangen, keine Pflichtlagerfreigabe, keine sichtbare Mangellage im Alltag. Aber daraus folgt nicht «alles passt schon». Die Versorgung ist heute stabil — sie ist aber nicht mehr selbstverständlich robust.
Eine Versorgungslage muss zwei Fragen beantworten
«Ist heute genug da?»
Ja. Die Pflichtlagerstruktur ist stark, Lieferketten funktionieren, kein Sektor ist in akuter Mangellage.
«Wie schnell kann sich das ändern, wenn ein Knoten reisst?»
Schneller, als viele erwarten. Eine Nacht, ein Raketenangriff, eine Exportkontrolle, eine politische Repriorisierung — und aus stabiler Versorgung wird eine völlig neue Lage. Genau diesen Unterschied misst die Skala.
Was uns oberhalb von Stufe 2 hält
- Spürbarer Preisstress an allen fossilen Achsen (+15–40 %)
- Brent-Spitze USD 126/bbl Ende April, Diesel CHF 2.10/Liter
- Düngerpreise +30–40 %, Ernte-Lag bis 2027
- Flugpetrol-Pflichtlager 71–72 statt 90 Tage — Systemwarnung
- Reservekraftwerke und Stromreserve: Thema für Winter 2026/27
- AdBlue ohne eigenes Pflichtlager — LKW-Sollbruchstelle
- Persischer Golf mit stark reduzierter Harnstoff-Produktion
- US-Lieferanten als politisches Risiko statt Schutz
Was uns unterhalb von Stufe 4 hält
- CARBURA-Pflichtlager Diesel/Benzin/Heizöl: 4,5 Monate Soll-Reichweite
- Cressier-Raffinerie läuft, Lieferketten Mai 2026 funktional
- Réservesuisse-Lebensmittellager: mehrere Monate Puffer
- Speicherseen, Kernkraft, ENTSO-E-Importe funktional
- Bundesrat aktiv: Erdgas-Speicherflexibilisierung, Versorgungsinitiative
- Zollabkommen USA 14.11.2025: 15 % statt 39 % (Absichtserklärung)
- Keine Tankstellen-Schlangen, keine Coop/Migros-Limits, keine Pflichtlagerfreigabe
BWL-Beurteilung: Das Bundesamt für wirtschaftliche Landesversorgung beurteilt die Versorgung «für Mai 2026 als gesichert». Über diesen Horizont hinaus bleibt die Lage abhängig von Liefermengen, Preisen, Transportwegen und politischen Entwicklungen. Genau diese Asymmetrie misst die Skala.
Vier Pipeline-Lags — warum die Skala Zeitverzug abbildet
Versorgungslagen reagieren in unterschiedlichen Geschwindigkeiten. Eine Skala muss diesen Zeitversatz abbilden, sonst täuscht sie Entwarnung vor, wo das Vorbereitungsfenster längst abläuft.
Diesel · Wochen
Vorkriegs-Bestand
Kommerzielle Lager arbeiten Bestände ab, die vor dem 28. Februar auf Wasser kamen. Dass die Versorgung für Mai als gesichert beurteilt wird, ist genau dieser Punkt: viel über den Puffer, wenig über die Robustheit danach.
AdBlue · Wochen
Harnstoff-Engpass
Persischer Golf zentral für Harnstoff und AdBlue-Vorprodukte. Ohne AdBlue starten Euro-V/VI-LKW elektronisch nicht. Kein vergleichbares CH-Pflichtlager.
Stickstoff · 6–18 Mon.
Ernte-Lag
Fehlende oder verteuerte Düngemittel wirken nicht sofort im Regal. Sie erscheinen zeitverzögert in Ernten und Verfügbarkeit 2026/27. Agricura-Pflichtlager nur 1/3 Jahresbedarf.
Politik · 2–6 Mon.
US-Eskalations-Lag
US-Zölle, Franken/Dollar-Druck, Exportkontrollen verändern Verträge und Preise mit Verzögerung. Bundesrats-Klausur mit SNB-Präsident Schlegel bestätigt: Bern behandelt USA-Lage als strategisches Risiko.
Politische Risikodimension
Die US-Verbindung kippt — vom Schutzfaktor zur Verwundbarkeit
Der hohe US-Anteil bei Cressier-Rohöl galt bisher als Schutz vor Hormus. Drei dokumentierte Präzedenzfälle der letzten zwölf Monate zwingen zur Korrektur. Viele Leser werden diese Vorgänge noch nicht im Zusammenhang gesehen haben — wir halten sie deshalb in voller Konkretheit fest.
Präzedenz I
Patriot
CHF 2 Mrd., 5 Systeme, Lieferung 2026–28 versprochen. Im Juli 2025 wegen Ukraine-Priorisierung verschoben, im Februar 2026 erneut auf frühestens 2034. SRF deckte auf: Schweizer Zahlungssperre vom Herbst 2024 wurde unterlaufen, Geld floss aus zentralem Washington-Fonds an Raytheon — ohne Lieferung. Keine Verzögerung. Einseitige Vertragsänderung mit Geldumwidmung.
Präzedenz II
Truppenabzug DE
Pentagon-Bestätigung 2. Mai 2026: 5'000 bis 12'000 US-Soldaten verlassen Deutschland. EUCOM von Stuttgart nach Mons. Bundesregierung wurde nicht vorgängig sauber eingebunden. Was Washington als nationale Priorität definiert, wird einseitig durchgezogen — auch gegenüber Partnerstaaten.
Präzedenz III
Strategic Petroleum Reserve
Die strategische US-Ölreserve liegt auf historischem Tiefstand. Die USA haben weniger eigenen Puffer, gerade in einem Jahr, in dem Benzinpreise innenpolitisch hochsensibel sind — vor den Midterms im November 2026.
Das Kumulrisiko
Wenn die USA bei Rohöl-Lieferungen oder Destillaten ähnlich handeln wie bei Patriot — also Lieferungen reduzieren, verzögern oder zugunsten eigener Prioritäten umwidmen — dann fällt das zweite Schweizer Standbein neben Hormus teilweise weg. Die bundesrätliche Logik «Hormus dicht? Halb so wild, wir haben USA als Alternative» kippt dann zur Doppelfalle. Die Schweiz hat ihre Abhängigkeit nicht aufgehoben. Sie hat einen Teil davon von einer geopolitischen Quelle auf eine andere verlagert. Das ist keine Entlastung. Das ist ein US-Allokations- und Repriorisierungsrisiko.
Wo die 3,5 herkommt — sektorale Differenzierung
Diesel US-Allokationsrisiko, Preisstress, Importabhängigkeit
4,5
AdBlue LKW-Sperre, kein Pflichtlager
4,5
Düngemittel Ernte-Lag bis 2026/27
4,5
Benzin Preisstress, Importabhängigkeit
4
Logistik letzte Meile Fahrermangel + Rheinpegel-Risiko
4
Medikamente Pharma- und Lieferkettendruck
4
Heizöl verfügbar, aber preis- und importabhängig
3,5
Flugpetrol Pflichtlager unter Zielwert · Systemwarnung
3,5
Erdgas politisch und saisonal exponiert
3
Strom aktuell stabil, Winter 2026/27 offen
2,5
Lebensmittel Lager vorhanden, direkte Lage stabil
2
Kopplungsklausel Diesel/AdBlue
Die Diesel-Stufe darf nicht günstiger eingestuft werden als die AdBlue-Stufe. Ein LKW mit vollem Dieseltank fährt nicht weiter, wenn AdBlue fehlt. Moderne Euro-V/VI-LKW starten ohne AdBlue elektronisch nicht. Ein AdBlue-Engpass kann den dieselbasierten Güterverkehr abrupt treffen, bevor Diesel physisch knapp wird. Versorgungskrisen entstehen oft nicht am sichtbarsten Rohstoff, sondern an der unscheinbaren Schnittstelle. Lehre aus 2022.
Letzte Meile als eigener Sektor
Selbst bei starken Pflichtlagerstrukturen bleibt die Verteilung verwundbar. Europaweit fehlen LKW-Fahrer in grosser Zahl. Hinzu kommt die Sensibilität der Rheinschifffahrt — bei niedrigen Pegelständen mussten in der Vergangenheit bereits Pflichtlager freigegeben werden. Ein heisser Sommer 2026 plus Fahrermangel kann zu regionalen Engpässen führen, die nichts mit globaler Ölverfügbarkeit allein zu tun haben. Versorgung ist nicht nur Lagerbestand. Versorgung ist auch Verteilung.
Frühwarnsignale — in vier Kategorien
Markt & Preis
Rotterdam-Diesel > USD 1'200/Tonne über zwei Wochen
Brent dauerhaft > USD 130/bbl
Schweizer Importeure können Juni-Kontrakte nicht in Vorkriegsmenge nachbinden
AdBlue-Spotpreis verdoppelt über 4 Wochen
Pflichtlager & Logistik
Erste Pflichtlagerfreigabe Mineralöl durch das BWL
Réservesuisse-Freigabe Brotgetreide
AdBlue-Engpass an gewerblichen Tankstellen
Coop/Migros-Mengenlimits einzelner Artikel > 7 Tage
Rheinpegel Maxau < 350 cm über > 14 Tage
Speditionsausfälle wegen LKW-Fahrermangel mit Binnenwirkung
Politik & USA
US-Distillate-Exportkontrolle aktiviert
Cressier-Rohöl-Allokation reduziert
Trump erklärt die Schweiz formell zur Währungsmanipulatorin
Zoll-Rückkehr über 15 %
Weitere politische Repriorisierung vertraglicher Lieferungen
Energie & Strom
Hormus-Durchsatz für Rohöl, LNG und düngerbezogene Ladungen < 10 % über > 3 Monate
ElCom-Sparappell Winter 2026/27
Reaktivierung ausserordentlicher Stromreserve-Massnahmen
Aktueller Stand: Der Hormus-Durchsatz bei zentralen Versorgungsgütern ist bereits massiv gestört. Für eine Hochstufung entscheidend wären zusätzliche Signale: Pflichtlagerfreigaben, AdBlue-Engpässe, nicht nachbindbare Juni-Kontrakte, US-Exportkontrollen oder erste Binnenlogistik-Ausfälle.
Was jetzt angemessen ist
Bei Stufe 3,5 ist Handeln durch geordnete Vorsorge angezeigt. Vorsorge ist keine Panikhandlung — sie beugt Panik bei Eskalationen vor. Wer vorbereitet ist, muss später nicht hektisch reagieren. Nicht hektisch, nicht auf einmal, nicht durch Hamsterkäufe — sondern ruhig, schrittweise und solidarisch.
Hinweis zur BABS-Empfehlung: Der offizielle Notvorrat (mindestens 3 Tage) ist für kurze Ereignisse dimensioniert — einen Stromausfall, eine Lawine, einen Brand. Er ist nicht abgestimmt auf die Lag-Zeitachsen, die diese Skala beschreibt: Stickstoff 6–18 Monate, Politik 2–6 Monate. Wer ein halbes Jahr Reichweite aufgebaut hat, hat nicht überreagiert — er hat auf die richtige Zeitachse hin geplant.
Notvorrat gemäss BABS: mindestens 3 Tage
PIU-Empfehlung: schrittweise Aufstockung auf 21 Tage, bis Ende Monat auf 35 Tage
Medikamente: notwendige Präparate vollständig und mehrfach vorrätig halten
Heizöl: rechtzeitig disponieren
Erdgas: Alternativen und Abhängigkeiten durchdenken
Bargeld: Reserve für mindestens 30 Tage
Mobilität: Arbeitswege durchdenken
Gemeinschaft: lokale Nachbarschaftsnetzwerke stärken
Information: Lageberichte lesen, nicht ignorieren
Markt: Preis- und Lieferhinweise ernst nehmen
35 Tage Vorrat sind keine Panik. 35 Tage Vorrat bedeuten, dass ein Haushalt bei Eskalation nicht am ersten Wochenende in den Markt rennt. Wer vorbereitet ist, entlastet andere.
Unsere Einschätzung
Die Schweiz ist derzeit versorgt. Aber diese Versorgung hängt an mehreren globalen Knoten, die gleichzeitig unter Druck stehen: Energie, Logistik, maritime Engpässe, US-Politik, AdBlue, Düngemittel, Stromreserve und Importpreise. Darum ist die richtige Botschaft nicht das eine und nicht das andere, sondern das Dazwischen.
Nicht das
«Alles ist sicher.»
Und nicht das
«Der Zusammenbruch steht bevor.»
Sondern: Die Lage ist fragiler als im Normalbetrieb. Das Vorbereitungsfenster ist offen — und genau deshalb sollte es genutzt werden.
Wer im Sommer reagiert, reagiert zu spät auf den Stickstoff-Lag. Wer im Herbst reagiert, hat den Politik-Lag verpasst. Die Skala kann steigen oder fallen. Wir verfolgen die Signale und melden Veränderungen — die nächste Aktualisierung kommt nach der Mai-Klausur des Bundesrats oder bei Schwellenüberschreitung.
Erhöhte Beobachtung. · Ruhige Vorsorge.
Ohne Panik. · Keine Entwarnung.